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News - Authentizität und ungeschminkte Aufrichtigkeit - JazzEcho

17.08.2010
Abbey Lincoln
Authentizität und ungeschminkte Aufrichtigkeit
Im Alter von 80 Jahren verstarb am 14. August 2010 in New York die Sängerin Abbey Lincoln.

Abbey Lincoln © by Universal Music
© by Universal Music

Zur First Lady des Jazz hatte sie es trotz ihrer unbestreitbaren Qualitäten nie gebracht. Da half es Anna Marie Wooldridge auch nichts, dass sie sich 1956 den Namen eines großen amerikanischen Präsidenten borgte und forthin als Abbey Lincoln auftrat. Nach einigen anfänglichen Irrungen und Wirrungen, als sie unter verschiedenen Künstlernamen (Anna Marie, Gaby Lee sowie Gaby Woolridge) und mit eher anspruchslosem Programm durch die Welt der Nacht-Clubs getingelt war, fand die 1930 in Chicago geborene Sängerin 1956 endlich zum Jazz und jenem Pseudonym, das ihr für den Rest ihrer Karriere erhalten bleiben sollte. Als Abbey Lincoln machte sie in diesem Jahr  - mit Hilfe des Altsaxophonisten und Bandleaders Benny Carter - ihre erste Plattenaufnahme, auf der sie sich vom Pop-Repertoire wegbewegte und jazzigeres Material interpretierte.  Noch im selben Jahr hatte sie an der Seite von Jayne Mansfield auch ihren ersten kurzen Filmauftritt in der Hollywood-Komödie “The Girl Can’t Help It” (die in Deutschland den etwas albernen Verleihtitel “Schlagerpiraten” erhielt), in der sie mit dem Song “Spread The Word” zu hören war. Die Schauspielerei sollte danach zu ihrer zweiten Leidenschaft nach der Musik werden. Weitere Filme - darunter “For Love of Ivy” (1964) mit  Sidney Poitier und Beau Bridges sowie Spike Lees “Mo’ Better Blues” (1990) mit  Denzel Washington -, aber auch Auftritte in populären Fernsehserien wie “Kobra, übernehmen Sie” und “Dr. med. Marcus Welby” folgten.

Abbey Lincolns musikalischer Reifeprozess wurde beschleunigt, als sie 1957 den Schlagzeuger Max Roach (der von 1962 bis 1970 auch ihr Ehemann war) und den Produzenten Bill Grauer (der mit Orrin Keepnews das Label Riverside Records gegründet hatte) kennenlernte. Mit Grauer als Produzent und erstklassigen Musikern wie Roach, Sonny Rollins, Wynton Kelly, Kenny Dorham, Benny Golson, Paul Chambers und Philly Joe Jones nahm Lincoln für das junge Label zwischen 1957 und 1959 drei exzellente Alben auf, die ihren frühen Ruf begründeten: “That’s Him”, “It’s Magic” und “Abbey Is Blue”. Sie folgte dabei nicht der Linie virtuoser Jazzsängerinnen wie Sarah Vaughan oder Ella Fitzgerald, sondern schlüpfte in die Fußstapfen von Billie Holiday, deren Karriere sich bereits dem traurigen Ende zuneigte. Als Billie 1959 starb, hatte sich Abbey schon als deren legitime Erbin etabliert. Das amerikanische Jazzmagazin Down Beat bescheinigte ihr damals, dass sie “die ehrliche Tradition Billie Holidays in einer originellen Weise” fortführte. An Billie Holiday hatte sie vor allem deren Authentizität und ungeschminkte Aufrichtigkeit fasziniert, und sie selbst stand ihrem Vorbild darin in nichts nach.

Zusammen mit Max Roach nahm Abbey Lincoln 1960 auch eines der emblematischsten Alben des Jazz der turbulenten 1960er Jahre auf: “We Insist! Freedom Now Suite”. Aus ihrem politischen Engagement machte die Sängerin auch danach nie einen Hehl. Ab 1962 zog sich allerdings für über ein Jahrzehnt fast vollkommen aus der Musik zurück und nahm in dieser Zeit kein Album unter eigenem Namen auf. 1973 meldete sie sich dann mit “People In Me” zurück. Ein wirkliches Comeback gelang ihr aber erst in den späten 1980er Jahren, als sie für das Münchener Enja-Label zwei Billie Holiday gewidmete Alben aufnahm. Die katapultierten sie wieder ins Rampenlicht und brachten Abbey Lincoln einen Vertrag bei dem Major-Jazzlabel Verve ein. Für Verve nahm sie mit prominenten Begleitern wie Pat Metheny, Stan Getz, Charlie Haden, Hank Jones, Roy Hargrove und Kenny Barron ein exzellentes Album nach dem anderen auf: “The World Is Falling Down” (1990), “You Gotta Pay The Band” (1991), “When There Is Love” (1992), “Devil’s Got Your Tongue” (1993), “A Turtle’s Dream” (1994), “Who Used To Dance” (1996), “Wholly Earth” (1999), “Over The Years” (2000) und “It’s Me” (2003).  Neben Jazzstandards trug sie auf diesen Alben auch viele eigene Songs vor, so wie auf ihrem letzten Meisterwerk “Abbey Sings Abbey”, das sie 2007 im Alter von 77 Jahren einsang. Am vergangenen Samstag ist Abbey Lincoln, die nach einer Herzoperation im Jahr 2007 gesundheitlich angeschlagen war, in New York verstorben. Die Jazzwelt verlor mit ihr eine ihrer eigenwilligsten Stimmen und integersten Künstlerinnen.

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